Urwitzige Geschichten gab es beim Muttertags-Kabarett in Mertingen mit Frau Nägele zu hören. Foto: Beate Schwab
Von Beate Schwab
MERTINGEN.
Mit seinem traditionellen „Kabarett zum Muttertag“ gelang dem Kulturkreis Mertingen auch dieses Jahr wieder ein Volltreffer. Die schwäbische Kabarettistin und Komödiantin Helga Becker verpasste dem Publikum mit ihrem aktuellen Programm „Do schnallsch ab – oder die Welt verblödet“ eine geballte Dosis Humor, höchst amüsante Unterhaltung für Herz, Hirn und Lachmuskeln, bei der kein Auge trocken blieb.
Helga Becker, „Schwäbin von Geburt und mit Leidenschaft“, ist auf den Bühnen im „Ländle“ mit ihren schrägen Parodien und ihrer humorvollen Wortakrobatik längst Kult. Auch als Sängerin begeistert sie das Publikum, alles immer vor-getragen mit großer Freude am schwäbischen Dialekt. Neben ihrem Beruf als Stadtarchivarin und Heimatpflegerin von Steinheim an der Murr hat die gebürtige Murrerin bereits mehrere Sachbücher und neuerdings auch noch Krimis veröffentlicht. Für die selbsternannte „Fachfrau für Wein- und Lachkultur“ ist es eine Herzensangelegenheit, die Menschen zum Lachen zu bringen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass die alten schwäbischen Ausdrücke nicht in Vergessenheit geraten.
In ihrer Paraderolle als „Frau Nägele“ legt Helga Becker in der Aula der Grundschule Mertingen gleich los mit allen Themen, die ihr am Herzen liegen, besonders die sprachlichen Absurditäten, die ihr täglich so begegnen, nimmt sie pointiert aufs Korn. Wenn der Zimmermann „Dächles-Fritz“ als High Quality Carpenter den Carport aufstellt oder am Shop-Counter ein Workshop abgehalten wird, dann stellt sich Frau Nägele dem Irrsinn des modernen Alltags mit gesundem Menschenverstand entgegen. Vivance Active Slips oder Red Label Body Bustiers braucht sie nicht, ihr genügen Unterhose und BH vom Tchibo mit Schäfchenmuster.
Die patente Reinigungskraft Frau Nägele, die „Perle des Archivs“, kennt jeden, hört alles und hat viel zu erzählen. Ihre Geschichten reiht sie in rasantem Tempo aneinander, garniert mit frechen Witzen und Pointen. Mit „Schlabbergosch“, kommentiert sie neumodische Erscheinungen wie Reizdarm, Laktoseintoleranz oder groteske Videosprechstunden beim Arzt. „Ich geh noch analog zu meinem Hausarzt“, meint sie dazu schlagfertig.
Helga Becker arbeitet sich wortgewandt durch die irrwitzigen Geschichten ihrer Bühnenfiguren, schlüpft in verschiedene Charaktere, verändert dabei umwerfend ihre Mimik, und das überwiegend weibliche Publikum in Mertingen kommt vom ersten Satz an nicht mehr aus dem Lachen heraus. Immer nah dran am Leben bastelt sie aus alltäglichen Situationen mit ihrem Gespür für das Absurde urkomische Schwänke, in denen die Nachbarin Chantal mit ihrer Patchwork-Family oder der Metzgermeister „Eiseles Hugo“ die Hauptrolle spielen. Ihr „BMVÄ“, der „Beste Mann von Älle“, bekommt auch sein Fett weg, wenn er sich vom Elektrohändler Swoboda ein neues Handy andrehen lässt oder ewig Karibik-Reiseprospekte sammelt, um dann nur ins Allgäu zu fahren. Er ist zwar kein Brad Pitt, steht aber dennoch zufrieden im Feinripp vor dem Badezimmerspiegel und pflegt seinen Bauch. Helga Becker schaut den Leuten aufs Maul, betrachtet ihre Figuren aber immer mit liebevollem Blick. Ihr einzigartiger Humor, direkt, manchmal etwas derb, aber nie unter der Gürtellinie, kommt an beim Publikum.
Die Mundartkünstlerin genießt sichtlich den Kontakt mit ihren Zuhörerinnen und Zuhörern; spricht sie immer wieder direkt an, spielt gekonnt ihre Lust an der Improvisation und ihre umwerfende Situationskomik aus.
Ein großer Aufreger für Frau Nägele ist das neumodische Essen. Sie lästert über „Veggie Lounges“, wo pürierter Ackersalat als „Green Farmer Smoothie“ serviert wird oder Bowls mit extra viel Topping, das den Inhalt überdeckt, auf die viel zu kleinen Tische kommen. Dagegen schwärmt sie vom Sonntagsbraten oder vom LKW, dem Leberkäswecken, der zu allen Gelegenheiten verspeist wird. Ein Tag ohne ihre geliebte Süßigkeit ist für Frau Nägele aber nichts wert, sie hortet sie im Hochsicherheitstrakt im Keller und widmet ihr das gefühlvolle „Mon Cherie-Lied“.
Virtuos singt Helga Becker bekannte Hits mit eigenen schwäbischen Texten, die sofort ins Ohr gehen, und lässt sich vom Publikum den Rhythmus dazu mit Schenkelklopfen vorgeben. Mit einem Lied von Edith Piaf erkundet sie die Verbindungen zwischen Schwäbisch und Französisch, spürt nach, wer hier welche Wörter von wem geklaut hat. Unter großem Gelächter betätigt sie sich mit Baseballcap und Trainingshose verkleidet als Rapperin und vertont brüllend komisch ein Gedicht. Ein grandioses Geschenk zum Muttertag, das mit seiner positiven. Energie und seinen herzerfrischenden Momenten länger bleibt als jeder Blumenstrauß.
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